Candid’s brain

Mündliche Noten

Posted on: September 25th, 2008

Pro Schulhalbjahr werden nicht nur in der Oberstufe zwei Klassenarbeiten in den Hauptfächern geschrieben, in den Nebenfächern nur eine. Die Oberstufe sieht allgemein Doppelstunden für alle Fächer vor, weshalb die Klassenarbeiten auf diese ausgedehnt werden können, in jüngeren Stufen werden aber in Nebenfächern oft zwei separate Stunden in der Woche abgehalten, ein Verlegen der Stunde bedarf erhöhten Aufwandes, besonders durch die Lehrkraft selbst. Klassenarbeiten werden deshalb so ausgelegt, dass man allerhöchstens eine Stunde dafür braucht.

In einer Physik-Klausur zum Beispiel wäre diese Zeit sehr knapp, wenn man den Stoff des ganzen Halbjahres abfragen wollte, man bedient sich also des üblichen Mittels: Aus den mehreren behandelten Themen wird ein vorher nicht angekündigtets herausgesucht und in der Klassenarbeit vertieft. Die Schüler müssen theoretisch alle Themen beherrschen, trotzdem kann die Klassenarbeit innerhalb einer Stunde geschafft werden. Sie besteht aus einer großen Rechenaufgabe zum Thema, für andere Aufgaben bleibt nicht mehr viel Zeit, vielleicht ein paar kleinere Zusatzaufgaben, die die Note nicht wirklich beeinflussen, höchstens die „volle Punktzahl aus Glück“ verhindern.

Mist, wenn man die ausschlaggebende Formel gerade zu dieser Aufgabe, möglicherweise trotz intensivem Lernen, nicht mehr richtig wiedergeben kann. Das läuft auf fast keine Punkte hinaus, obwohl man alle anderen im Halbjahr behandelten Themen perfekt beherrscht. Einzige Klassenarbeit im Halbjahr, die Zeugnisnote wird also direkt beeinflusst, in der Oberstufe wäre der Kurs vielleicht versenkt. Unfair, soll die Note nicht mein Wissen widerspiegeln? Ich habe doch vier von fünf Themen beherrscht, nicht gar keins, wie die Note behauptet.

Irgendjemand hat das wohl einmal erkannt und sich eine Möglichkeit ausgedacht, wie der Lehrer ohne einen erhöhten Arbeitsaufwand (Klassenarbeit über alle Themen) die Möglichkeit hat, in einem solchen Unglücksfall die Note des Schülers wenigstens in die Richtung seines tatsächlichen Wissens- und Könnensstandes zu bewegen: mündliche Noten. Diese Erfindung schafft dem Lehrer die Freiheit, aus dem Verhalten seiner Schüler auf deren Kenntnisse zu schließen, oder aber sie zu allen möglichen behandelten Themen abzufragen und sich dadurch ein Bild von ihnen zu machen. Auf diese Weise wird der Risikofaktor „Pech“ oder auch „Glück“ in der Klassenarbeit gesenkt und die Zeugnisnote den tatsächlichen Begebenheiten angepasst. Der Lehrer entscheidet selbst, in welchem Verhältnis er die schriftlichen und mündlichen Noten einrechnet, je nachdem, wie zuverlässig er sich im Einschätzen seiner Schüler hält. Die schriftlichen Noten senken weiterhin das Risiko des Irrtums seitens des Lehrers.

Einige, die meisten, Lehrer haben dieses Konzept irgendwie nicht oder falsch verstanden, und meinen, die mündlichen Noten nicht nach dem Wissen und Können des Schülers zu bilden, sondern nach seinem Verhalten und besonders nach seiner Mitarbeit. So kommt es, dass meine Physiknote nicht mehr wiedergibt, wie gut ich mich in der Physik auskenne, sondern wie gut ich mich mit dem Lehrer verstehe und bei wievielen Fragen (ob sinnlosen oder sinnhaften) ich bereit war, öffentlich eine Antwort dazu zu geben, letztendlich hängt sie also auch davon ab, welche Fragen der Lehrer überhaupt stellt. Der Arbeitgeber, der später eine schlechte Physiknote in meinem Zeugnis entdeckt, kann daraus also allerhöchstens auf meinen Lehrer schließen.

Ein Schüler, der selten anwesend ist oder der den Unterricht stört, darf nur in seiner Verhaltensnote schlecht dafür bewertet werden. (Wozu gibt es die denn sonst?)
Ein Schüler, der seine Hausaufgaben nicht macht oder sich im Unterricht nicht meldet, darf nur in seiner Mitarbeitsnote schlecht dafür bewertet werden. (Wobei in einigen Fächern das Erledigen der Hausaufgaben allein Sache des Schülers ist, aber das ist ein anderes Thema.)

Auf diese Weise wird sichergestellt, dass jede Note im Zeugnis tatsächlich das widerspiegelt, was sie bezeichnet (und nicht die Physiknote für das Verhalten steht). Die Voraussetzungen hierfür sind ja gegeben, denn gerade zu diesem Zweck wurden wohl die Verhaltens- und Mitarbeitsnoten eingeführt. Noten in den Fächern sind kein Mittel, um Schüler zu erziehen oder zu bestrafen. Gerade in der Oberstufe entscheiden sie maßgeblich über die Zukunft des Schülers und müssen deshalb seine tatsächlichen Fähigkeiten anzeigen. Ein Schüler darf sich ein gutes Zeugnis nicht erkaufen müssen, indem er im Unterricht aufpasst und damit oder anders das Selbstwertgefühl oder die Stimmung des Lehrers steigert.

Ich bedanke mich bei meinem Physiklehrer dafür, dass er dieses Konzept verstanden und als einziger konsequent durchgezogen hat.